Home
zurück

Von der Nägeligasse zur Hodlerstrasse – CONTACT Anlaufstelle im Wandel der Zeit

CONTACT Anlaufstelle ist heute ein etablierter Bestandteil der Schadensminderung – mit klaren Strukturen, professionellen Angeboten und einer breiten politischen Abstützung. Doch der Ursprung des Angebots liegt in einer Zeit, in der offene Drogenszenen das Stadtbild prägten, Angebote fehlten und vieles improvisiert werden musste.

Das Gespräch mit Carl Müller (stellvertretender Geschäftsleiter CONTACT Stiftung für Suchthilfe) und Bubi Rufener (Leiter CONTACT Anlaufstelle Bern) zeigt die Entwicklung des Angebots Drogenkonsumraum in den letzten 40 Jahren auf.

Von der ersten weltweit zur heutigen Anlaufstelle war es ein langer Weg

Ein Blick zurück zeigt, wie sich das Angebot CONTACT Anlaufstelle in den letzten 40 Jahren verändert hat. Stellvertretend dafür stehen zwei Perspektiven: Carl Müller, der in den 1990er-Jahren in der Anlaufstelle an der Nägeligasse arbeitete und heute stellvertretender Geschäftsleiter von CONTACT Stiftung für Suchthilfe ist, sowie Bubi Rufener, der sowohl an der Nägeligasse wie auch an der Hodlerstrasse gearbeitet hat und heute CONTACT Anlaufstelle Bern an der Hodlerstrasse leitet.

Die Anlaufstelle an der Nägeligasse wurde im Sommer 1990 eröffnet. Ihr gingen zwei prägende Stationen voraus: der Aufenthaltsraum mit Cafeteria an der Münstergasse, aus dem 1986 der weltweit erste Drogenkonsumraum entstand, sowie ein provisorischer Container auf der Kleinen Schanze, direkt im Zentrum der offenen Drogenszene.

Die heutige Anlaufstelle an der Hodlerstrasse wurde im Herbst 2001 eröffnet und knüpft an diese Geschichte an – unter ganz anderen Rahmenbedingungen, aber mit demselben Ziel: Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu erreichen und zu unterstützen.

 

Damals vs. heute: Ein Vergleich in Begriffen

Offene Drogenszene

Carl Müller: Zu Ende der 80er und zu Beginn der 90er-Jahre waren offene Drogenszenen überall präsent. Zuerst auf der Münsterplattform, dann in den Gassen der Altstadt und später auf der Kleinen Schanze – dort mit mehreren hundert Menschen. Nach der Räumung verlagerte sich alles in den Kocherpark. In Spitzenzeiten waren dort bis zu 500 Personen. Das Elend war extrem sichtbar: Überdosierungen, herumliegende Spritzen, Blut, Krankheiten wie HIV und Hepatitis – das gehörte zum Alltag.

Bubi Rufener: Heute gibt es in Bern keine vergleichbaren offenen Drogenszenen mehr. Der Konsum findet grösstenteils in den Konsumräumen der Anlaufstelle statt – unter hygienischen Bedingungen und begleitet durch Fachpersonal. Dank Spritzenumtausch und Aufklärung konnten Infektionskrankheiten stark reduziert werden. Die Situation ist stabiler, auch wenn neue Herausforderungen wie synthetische Opioide, stetig steigender Kokain- und Crackkonsum und entsprechende Überdosierungen zunehmen.

 

Konsumraum und Dienstleistungen

Carl Müller: Die Anlaufstelle an der Nägeligasse startete sehr klein – wir waren zum ersten Mal Mitarbeitende aus ganz verschiedenen Fachrichtungen. Die Infrastruktur war begrenzt: ein einziger Fixeraum für sechs Personen. Anfangs kamen nur wenige Leute, weil die Szene noch auf der Kleinen Schanze war. Nach deren Schliessung wurden wir dan komplett überrannt – mit bis zu 100 Personen drinnen und mehr als doppelt so vielen draussen. Gleichzeitig war die Nägeligasse ein wichtiger Entwicklungsschritt: Neben dem Aufenthaltsraum gab es erstmals einen separaten Raum für den intravenösen Konsum und für den Pflegedienst. Neu kamen auch ganz praktische Angebote wie ein warmes Nachtessen, eine Dusche oder eine Waschmaschine dazu.

Bubi Rufener: Heute haben wir rund 32 motivierte, fachlich top ausgebildete Mitarbeitende und etwa 1200 registrierte Klient*innen. Es gibt verschiedene Konsumräume für unterschiedliche Konsumformen – Injektion, Inhalation (Raucherraum) und nasalen Konsum. Dazu kommen zahlreiche Angebote: Spritzenumtausch, medizinische und sozialarbeiterische Beratung, Tagesstruktur, soziale Events, Verpflegung, Kleiderbörse oder auch NADA-Ohrakupunktur. Die Anlaufstelle ist heute ein umfassender Unterstützungsort und sozialer Treffpunkt – aber der Grundgedanke ist derselbe geblieben: niederschwellige Unterstützung im Alltag.

 

Die Klientel

Carl Müller: Die Leute waren damals eher jung und kamen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen. In den 70er Jahren hatte das teilweise noch etwas von der 68er- oder Hippie-Bewegung – ab Mitte der 80er Jahre – nahm die Verelendung stark zu. Viele lebten auf der Strasse oder am Rand der Gesellschaft.

Bubi Rufener: Heute ist ein Teil der Klientel mit uns älter geworden. Gleichzeitig kommen neue, oft jüngere Menschen dazu – mit anderen Konsummustern, vor allem rund um Kokain. Wir sehen auch mehr psychische Erkrankungen. Die Situation ist komplexer geworden, und der Umgang auf der Gasse wird teilweise als rauer erlebt.

 

Substanzen und Konsumformen

Carl Müller: In den 90er-Jahren war Heroin die dominierende Substanz – meist intravenös konsumiert. Dazu kam Kokain. Der intravenöse Konsum war klar die häufigste Konsumform. Das Rauchen von Heroin oder anderen Substanzen fand erst in einem sehr kleinen Umfang statt.

Bubi Rufener: Heute ist Kokain – insbesondere Crack oder Freebase – die Hauptsubstanz. Es wird vor allem geraucht oder nasal konsumiert. Heroin ist weniger dominant, dafür sehen wir viel Mischkonsum, auch mit Benzodiazepinen. Der intravenöse Konsum nimmt ab, während inhalative und nasale Formen zunehmen.

 

Politik und gesellschaftliche Einbettung

Carl Müller: Die Schadensminderung war damals stark umstritten. Wir bewegten uns in einer rechtlichen Grauzone, es gab Anzeigen, politische Konflikte und viel Widerstand – auch aus der Nachbarschaft. Gleichzeitig war klar: Es braucht eine pragmatische Lösung.

Bubi Rufener: Heute ist die Schadensminderung fest in der Schweizer Drogenpolitik verankert. Die Anlaufstellen sind breit akzeptiert und politisch abgestützt. Wir pflegen aktiv den Austausch mit der Nachbarschaft und leisten viel Öffentlichkeitsarbeit. Gleichzeitig gibt es weiterhin Themen, etwa die Zusammenarbeit mit der Psychiatrie, die wir noch stärken müssen.

 

Die Rolle der Polizei

Carl Müller: Die Beziehung zur Polizei war damals schwierig, die Repression sehr stark. Es gab viele Kontrollen und Razzien rund um die Anlaufstelle. Das hat unsere Arbeit teilweise erschwert und den Zugang für die Betroffenen behindert.

Bubi Rufener: Heute arbeiten wir, unter Einhaltung der Schweigepflicht, eng mit der Polizei zusammen. Es gibt regelmässigen Austausch und klare Abmachungen. Polizeischüler*innen besuchen die Anlaufstelle, und wir führen auch gemeinsame Veranstaltungen durch. Diese Zusammenarbeit hilft beiden Seiten.

 

Mehr Informationen zu CONTACT Anlaufstelle finden Sie hier.

Hier gibt es eine Übersicht über die weiteren schadensmindernden Angebote von CONTACT Stiftung für Suchthilfe.

Was ist Schadensminderung und wie trägt CONTACT dazu bei? Das erfahren Sie hier.

News & Jobs

24.04.2026
Pionierarbeit in Bern: Wie CONTACT vor 40 Jahren den ersten Drogenkonsumraum weltweit eröffnete
Vor 40 Jahren entsteht in Bern aus einer akuten Krise heraus ein...
21.04.2026
Der CONTACT Jahresbericht 2025 ist online
Die 1000. dib-Probe in Biel, die Villa «CheckPunkt», neue Räumlichkeiten für CONTACT...
20.04.2026
Von der Nägeligasse zur Hodlerstrasse – CONTACT Anlaufstelle im Wandel der Zeit
CONTACT Anlaufstelle ist heute ein etablierter Bestandteil der Schadensminderung – mit klaren...