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Pionierarbeit in Bern: Wie CONTACT vor 40 Jahren den ersten Drogenkonsumraum weltweit eröffnete

Vor 40 Jahren entsteht in Bern aus einer akuten Krise heraus ein weltweit einzigartiges Angebot: der allererste Drogenkonsumraum. Was als pragmatische Entscheidung im Alltag beginnt, wird zum Wendepunkt in der Drogenpolitik. CONTACT Stiftung für Suchthilfe leistet damit Pionierarbeit im Bereich der Schadensminderung – mit Wirkung weit über die Schweiz hinaus.

Ein absoluter Meilenstein der Schadensminderung und Schweizer Drogenpolitik: Der allererste legale Drogenkonsumraum in der Berner Münstergasse (1986).

Ausgangslage: Eine Krise ohne Antworten

In den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelt sich der Konsum illegaler Drogen in der Schweiz immer mehr zu einem Massenphänomen. Auch in Bern entstehen offene Drogenszenen – sichtbar, wachsend und zunehmend belastend für Betroffene wie für die Öffentlichkeit.

Die Antworten der damaligen Drogenpolitik greifen zu kurz: Repression verdrängt, löst das Problem aber nicht. Abstinenzorientierte Beratungsangebote erreichen viele Menschen nicht. Gleichzeitig breiten sich HIV und weitere Infektionskrankheiten rasant aus.

In dieser Situation beginnt bei der Vorgängerin-Organisation von CONTACT Stiftung für Suchthilfe ein Umdenken: Die Beratungsstellen werden durch schadensmindernde Ansätze vor Ort ergänzt, um Menschen auch im Konsum zu erreichen.

 

1986: Ein mutiger Schritt im Namen der Überlebenshilfe

Im Juni 1986 eröffnet CONTACT an der Münstergasse einen Aufenthaltsraum mit Cafeteria. Die Idee: ein niederschwelliger Ort mit Beratung und Verpflegung.

Was folgt, ist kein geplanter politischer Entscheid, sondern gelebte Praxis: Drogenabhängige beginnen in einem Hinterraum der Cafeteria ihre Drogen zu konsumieren und die CONTACT-Mitarbeitenden entscheiden sich dazu, dies zu tolerieren. Die Überlegung dahinter: Der Konsum, der ohnehin stattfindet, soll begleitet, unter hygienischen Bedingungen und mit der Möglichkeit, im Notfall einzugreifen, erfolgen.

Das ist die Entstehungsstunde des allerersten Drogenkonsumraums weltweit und ein mutiger Schritt im Namen der Überlebenshilfe (später Schadensminderung). Ein Entscheid mit Tragweite: fachlich, politisch und gesellschaftlich.

 

Pionierarbeit in rechtlicher Grauzone

Was heute als evidenzbasierte Massnahme gilt, ist damals ein Wagnis. CONTACT bewegte sich bewusst in einer rechtlichen Grauzone – getragen von der Überzeugung, dass Nichtstun die grössere Gefahr wäre.

Die Konsequenzen lassen nicht lange auf sich warten: Nach einem Radiointerview mit CONTACT-Mitarbeitenden werden diese von lokalen Politikern angezeigt, was eine kontroverse öffentliche und nationale Debatte auslöst.

Doch CONTACT lässt sich davon nicht beirren und hält am schadensmindernden Ansatz fest. Denn die Wirkung ist unmittelbar sichtbar: weniger Risiken, weniger Todesfälle, mehr Stabilität – und vor allem: Zugang zu Menschen, die zuvor durch alle Systeme gefallen sind.

 

Vom lokalen Experiment zum politischen Wendepunkt

In der Folge beginnt sich die Haltung auch politisch zu verschieben. Der Kanton Bern fordert schadensmindernde Angebote, der Berner Gemeinderat stellt sich hinter die mutige Entscheidung von CONTACT. Im Jahr 1988 hält der Generalprokurator des Kantons Bern fest, dass der Konsum in der Anlaufstelle unter Bedingungen – kein Handel und soziale Betreuung – nicht illegal ist.

1989 folgt auch national der entscheidende Durchbruch: Ein vom Präsidenten der eidgenössischen Betäubungsmittelkommission in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten von Hans Schultz – Professor für Strafrecht an der Uni Bern – bestätigt die rechtliche Zulässigkeit von Drogenkonsumräumen. Damit wird aus einem lokal initiierten Experiment ein national legitimiertes Modell.

 

Von der offenen Szene zur strukturierten Hilfe

Die Jahre nach der Eröffnung sind geprägt von Dynamik und Druck. Offene Drogenszenen verlagern sich innerhalb von Bern – von der Münsterplattform über die Kleine Schanze bis in den Kocherpark. Zeitweise halten sich mehrere hundert Menschen gleichzeitig in diesen Szenen auf.

Parallel dazu baut CONTACT seine Angebote laufend aus: Nach der Schliessung der ersten Anlaufstelle an der Münstergasse entstehen Übergangslösungen (ein Container auf der Kleinen Schanze) und neue Standorte – unter anderem an der Nägeligasse und später an der Murtenstrasse. Die Einrichtungen sind oft überlastet, gleichzeitig aber zentrale Anlaufpunkte für die Szene.

Mit der Räumung des Kocherparks 1992 endet die Phase der grossen offenen Drogenszenen in Bern. Der Konsum verschwindet nicht – aber er verlagert sich zunehmend in betreute, institutionelle Angebote.

 

Von der Pionieridee zum etablierten System

1994 werden die Anlaufstellen definitiv bewilligt und ins staatliche Hilfesystem integriert. Gleichzeitig etabliert sich die Schadensminderung als feste Säule der Schweizer Drogenpolitik.

In den folgenden Jahren entwickelt CONTACT seine Angebote kontinuierlich weiter und passt sie an veränderte Konsumformen und Bedürfnisse an. Mit dem Umzug an den aktuellen Standort an der Hodlerstrasse entsteht in Bern ein zentraler Standort, an dem verschiedene Konsumformen berücksichtigt werden – vom injizierenden über den inhalativen bis hin zum nasalen Konsum. Ergänzt wird das Angebot durch den Spritzenumtausch (SPUT), medizinische Betreuung sowie niederschwellige Beratung, Aufenthaltsmöglichkeiten und zahlreiche weitere Dienstleistungen.

Heute betreibt CONTACT Anlaufstellen mit Konsumräumen in Bern und Biel. Die Angebote sind fester Bestandteil der Schadensminderung und werden durch die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) des Kantons Bern finanziert. Das in Bern entwickelte Modell dient dabei bis heute als Vorbild für zahlreiche Drogenkonsumräume in der Schweiz und international.

Was einst als mutiger Entscheid im Alltag beginnt, ist heute breit abgestützt und international anerkannt. Die Schadensminderung ist längst kein Experiment mehr, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Drogenpolitik.

 

Mehr Informationen zu CONTACT Anlaufstelle finden Sie hier.

Hier gibt es eine Übersicht über die weiteren schadensmindernden Angebote von CONTACT Stiftung für Suchthilfe.

Was ist Schadensminderung und wie trägt CONTACT dazu bei? Das erfahren Sie hier.

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